Magirus M 10 - Innovation in schweren Zeiten

Die Geschichte des ersten serienmäßigen Frontlenkers von Magirus

 

 

Eine der wohl interessantesten Fahrzeugbaureihen von Magirus ist der M10. Da der OCM mittlerweile zwei gut erhaltene Exemplare besitzt, soll ein allgemeiner Abriß über die Entstehungsgeschichte daran erinnern. Das nebenstehende Bild zeigt unser exzellent restauriertes Exemplar mit Feuerwehraufbau. Als ein "reinrassiger Ur-Magirus" wird es immer wieder gerne als Kulisse verwendet, wenn es darum geht, die lange Magirus-Historie hervorzuheben.

Das Fahrzeug stand bereits in der Iveco-Werkskantine und diente auch dem Iveco-Weihnachtsmann als Transportmittel...

 

Schließlich konnte der OCM im Herbst 2005 ein weiteres Fahrzeug der M10-Familie erwerben. Es war in einem Gartenbaubetrieb lange Zeit im Einsatz, bevor es in langjährigen Dornröschenschlaf ging. Das Fahrzeug befindet sich im gut erhaltenen Orginalzustand.    
       
       
Heute würde man wohl Prospekt oder "Flyer" dazu sagen...

sehen Sie hier Kopien von Original-Unterlagen zum M 10

       

 

Baureihen-Historie Magirus M10

Wirtschaftlich ging es der C.D. Magirus AG im Jahre 1932 alles andere als gut. Wertvolle Grundstücke waren zu diesem Zeitpunkt schon verkauft und ein Verlust von 1,5 Millionen Reichsmark hatte sich im Laufe des Jahres 1932 angesammelt. Auf 508 Mitarbeiter war die Belegschaftsstärke zurückgegangen. In dieser Situation überlegte der Vorstand der C.D.Magirus AG, was überhaupt noch mit Aussicht auf Erfolg produziert werden konnte. Leitern, Löschfahrzeuge und andere Feuerwehrgeräte konnten sich die Städte und Gemeinden nicht mehr leisten. Aufträge von der Reichswehr waren 1932 auch nicht zu erwarten. Nutzfahrzeuge konnten fast nicht mehr verkauft werden. Im Herbst 1932 ist man bei Magirus zu der Erkenntnis gekommen, dass nur noch ein leichtes, einfaches und preisgünstiges Nutzfahrzeug Aussicht auf Erfolg haben könnte. Das Ergebnis war das leichte Frontlenkerfahrzeug M10.

 

  Anfang 1933 waren 2 M10 Versuchsfahrzeuge mit den Fahrgestellnummern 43410/I und 42410/2 fertiggestellt. Zuerst wurden Versuche mit Breuer Motoren und dann mit JLO Motoren durchgeführt. Für den JLO Motor P 2300 entschied sich Magirus dann auch in der Serienversion. Interessant hierbei ist, dass diese beiden Fahrgestelle bei allen Publikationen nicht erwähnt sind. Der Grund dafür ist, dass Ing. Max Schmidberger ,auf dessen Arbeit sich fast alle Publikationen über die Vorkriegsfahrzeuge von Magirus zurückführen lassen, die "42er" Liste nicht dazugerechnet und zwei Fahrgestelle immer gesondert aufgeführt hatte.
  Die zwei Versuchsfahrgestelle wurden im Februar bzw. im März 1933 ganz normal verkauft. Die richtige Produktionszahl für Fahrzeuge des Typs M10 ist daher 1922 Stück. Im Februar 1933 wurden dann die ersten Serienfahrzeuge gebaut. Erster Kunde für einen M10 war die "Staatliche Schlösser und Gartenverwaltung Berlin". Von diesem M10 mit der Fahrgestellnummer 43342/4 der am 18.4.1933 als Pritschenwagen ausgeliefert wurde, gibt es leider keine eindeutig zuzuordnenden Bilder.

Die beiden nebenstehenden Bilder sind die wohl ersten Aufnahmen eines M10-Fahrgestells vom 7.2.1933.

 

     
Die M10-Baureihe kann in zwei Versionen unterteilt werden: Die erste Version umfaßte alle Fahrzeuge der ersten drei Baulose und zum Teil noch Fahrzeuge aus dem vierten und fünften Baulos. Diese ersten fünf Baulose wurden von 1933-1935 gebaut. Die zweite Version wurde von 1934-1937 produziert. Unterscheidungsmerkmal der zwei Versionen war der verwendete JLO-Motor. Die erste Version hatte den Jlo-Motor P 2300 mit einer Leistung von 15 PS, 594 cccm und mit einem Grätzin Vergaser ausgerüstet war. Die zweite Version wurde mit dem Jlo-Motor P2335 mit 18 PS und einem Hubraum von 665 ccm produziert. Als Vergaser kam ein Solex 26 FHL zum Einsatz.

 

  Am 9.2.1933 wurden dann erstmalig zwei M10 Fahrzeuge fotografiert. Dabei handelt es sich jeweils um einen Pritschenwagen und einen Kastenwagen, wie auf den beiden folgenden Bildern zu sehen.
  Bei den Fahrzeugen mit Jlo P 2335 Motor wurde auch eine verstärkte Ausführung des Kupplungslagers eingebaut. Als Getriebe wurde ein 3-Ganggetriebe Hurth G34T verwendet. Die Höchstgeschwindigkeit der 18 PS sowie der 15 PS Version war mit 50 km/h angegeben.
  Das erste Kundenfahrzeug von dem Bilder überliefert sind, war der M10 der Ulmer Brauerei "Drei Kannen", Karl Eiselen. Die Fotos wurden am 30.5.1933 aufgenommen. Das Fahrzeug hatte die Fahrgestell-Nr. 43342/19 und wurde am 1.6.1933 ausgeliefert.
  1933 beteiligte sich die C.D.Magirus AG an den damals beliebten Zuverlässigkeitsfahrten. Gestartet wurde mit drei M10 Fahrzeugen bei der ADAC 1000km-Fahrt.
  1933 wurde das erste M10 Brandschutzfahrzeug gebaut. Das Fahrzeug hatte die Fahrgestellnummer 43342/46 und hatte als Beladung eine Goliath II Tragkraftspritze. Insgesamt wurden 47 Fahrzeuge für Brandschutzzwecke gebaut. Dazu kommt noch ein Viehwagen für die Branddirektion Hannover. Ein weiterer M10 wurde nachträglich zu einem Feuerwehrfahrzeug umgebaut.
  Drei Leitern wurden ebenfalls auf M10 Fahrgestelle aufgebaut. Eine Drehleiter ging an die Feuerwehr Königsberg. Die zwei anderen Leitern waren Montageleitern und wurden 1933 an die Landesgasversorgung Zwickau bzw. 1934 an das Städtische E-Werk Meeran in Sachsen geliefert.

Von den Feuerwehrfahrzeugen ist das Fahrzeug mit der Fahrgestellnummer 43345/99 "Schachenmayer Salach" beim OCM sowie mit der Fahrgestellnummer 43348/52 bei der FFW Hoheneggelsen komplett erhalten geblieben.

  Die Magirus-Werke benutzten selbst ca. 10 M10-Fahrzeuge für den eigenen Fuhrpark. Die Fahrzeuge waren zum Teil noch nach 1945 in Betrieb. Einer der letzten M10 aus dem Magirus-Fuhrpark wurde Anfang der 50er Jahre nach Heilbronn verkauft. In Ulm wurden die meisten M10 Kleinlastwagen eingesetzt. Ungefähr 36 M10 waren in den 30er Jahren in Ulm und um Ulm herum eingesetzt.
  1936 kostete ein M10-Fahrgestell 2150,- Reichsmark. Ein Pritschenwagen stand mit 2250,- RM in der Preisliste, während für den Kastenwagen 2550,- RM bezahlt werden mußte. Auch ein Führersitzpolster in echtem Leder wurde für 22,- RM angeboten; für eine Sonderlackierung wurde 1936 20,- RM berechnet.
  Ab 1934 wurde an den M10 Fahrzeugen keine Weiterentwicklung betrieben. Die Typennormung in der Kraftfahrzeugindustrie sah den M10 von Magirus nicht vor und Magirus brauchte alle Kapazitäten für die "großen" Fahrzeuge. Deshalb wurde 1937 die Produktion des M10 mit der 11. Bauserie eingestellt. Der letzte M10 wurde am 27.2.1937 an die Feuerlöschpolizei Hannover geliefert. Die Zeit der Notlösungen war vorbei. Es darf nicht vergessen werden, dass Magirus mit dem M10 in der Wirtschaftskrise überleben konnte.