Magirus-Deutz/IVECO "MK Baureihe"

Die Geschichte eines Erfolges

1975 war ein entscheidendes Jahr für Magirus-Deutz: Einerseits wurden mit der Gründung der Iveco, in die Magirus-Deutz eingegliedert wurde, die Weichen für die Zukunft neu gestellt; andererseits erschien eine in der leichten bis mittleren Gewichtsklasse eine völlig neue Baureihe auf dem Markt, die nicht nur das Straßenbild in Deutschland und Europa bis ins neue Jahrtausend hinein mitprägen sollte, sondern auch die mit Fug und Recht als der erste „europäische Lkw“ bezeichnet werden kann.
Schon 1971 legten die vier damals noch unabhängigen Nutzfahrzeughersteller DAF aus den Niederlanden, Magirus-Deutz aus Deutschland, Renault aus Frankreich mit seiner Nutzfahrzeugsparte Saviem sowie Volvo aus Schweden den Grundstein für eine gemeinsame Lkw-Baureihe, indem sie ein gemeinsames Entwicklungs- und Designbüro gründeten. Ziel war, grenzüberschreitend zu kooperieren und eine völlig neue und moderne Generation von mittelschweren LKW zu entwickeln und zu bauen.
1975 war das Werk vollbracht und Magirus-Deutz und die übrigen Partner konnten die neue Baureihe auf dem Brüsseler Autosalon der Öffentlichkeit vorstellen. Alle vier Hersteller benutzten die gleiche Fahrerkabine, die bei Magirus-Deutz in Ulm und bei Saviem in Frankreich gefertigt wurde. Die Kabine war innovativ und modern, nicht zuletzt durch ihre Kippbarkeit zur besseren Erreichbarkeit des Motors für Wartungs- und Reparaturarbeiten - damals ein Novum in dieser Gewichtsklasse. Eine großzügige Verglasung eröffnete eine gute Übersicht. Auch Teile der Achsen und der Bremsen waren bei allen vier Herstellern gleich. Insbesondere bei der Gestaltung des Kühlergrills, den Motoren und den Antriebssträngen bis zur Hinterachse bevorzugten die vier Hersteller jedoch jeweils eigene Lösungen. Magirus-Deutz griff natürlich auf die bewährten luftgekühlten Deutz-Motoren zurück, die die Marke mit dem Ulmer Münster am Kühlergrill in den 50er- und 60er-Jahren groß gemacht hatten.
Vom kleinen Reihen-Vierzylinder mit 87 PS der Bauart F4L913 reichte die Motorenpalette über den Reihen-Sechszylinder F6L913 mit 131 PS bis hin zum turboaufgeladenen BF6L913 mit stolzen 160 PS. Als Verkaufsbezeichnung entschied man sich für „MK“, die Abkürzung für „Mittelklasse“.
Der kleinste MK war der 90M6 mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 6,6 Tonnen, der größte der 160M13 mit 13 Tonnen. Besonders charakteristisch und prägend für die Optik war der markante Kühlergrill mit seiner abwechselnd groben und feinen Rippung, der erstmals in der Geschichte von Magirus-Deutz nicht mehr aus Metall sondern aus elastischem Hartgummi gefertigt wurde und der deswegen auch kleinere Rempler gut wegsteckte, wie sie im harten täglichen Einsatz öfter vorkommen können.
Das Nachfolgemodell der „Eicher-Typen“ bewährte sich sofort am Markt, die Nachfrage war enorm. Die MK-Reihe konnte auf Anhieb einen Marktanteil von rund einem Drittel in ihrer Gewichtsklasse erobern.
Auch Stammkunden anderer Marken wechselten zu Magirus-Deutz, insbesondere von einem Konkurrenten, der besonders lange an starr installierten Fahrerhäusern festhielt. Typisch und aus dem Straßenbild der 70er und 80er nicht wegzudenken waren die 7,5-Tonner 90M7 und 130M8 als Kipper, die bei unzähligen Bauunternehmen gute Dienste leisteten. Erhältlich waren aber auch Fahrgestelle für die verschiedensten Aufbauten, Sattelzugmaschinen, Kommunalfahrzeuge mit Allradantrieb und Getränketransporter mit Zentralrohr-Rahmen. Das Militärmodell 168M11 mit einem nochmals leistungsgesteigerten Motor ging an die Bundeswehr, auch mit Allradantrieb. Auch Feuerwehren erhielten schon in den 70ern immer wieder MK-Fahrzeuge, etwa als Basis für TLF 8/18.
Wo auch immer sie eingesetzt wurden, die Lkw bewährten sich bestens und zeichneten sich durch Anspruchslosigkeit und Robustheit aus. Auch bei den anderen Marken war das Vierer-Club-Modell ein Erfolg, das international verkauft werden konnte und sogar in besonderen Ausführungen bis nach Amerika gelangte. Nach der Übernahme von Berliet und der US-Marke Mack durch Renault gab es die Vierer-Clubs auch unter diesen Marken und nach der Umbenennung von Berliet und Saviem in Renault auch als Renault. Iveco versuchte sich für kurze Zeit ebenfalls auf dem US-Markt und bot Vierer-Club-Lkw mit speziellen Fahrgestellen, Bremsanlagen und mit wassergekühlten Fiat-Motoren unter der Marke „Magirus“ an. Auch auf der anderen Seite des damals noch existierenden Eisernen Vorhangs war der Vierer-Club gefragt: Der ostdeutsche Lkw-Hersteller IFA entwickelte als Nachfolger des W50 einen Prototyp des L60 mit Vierer-Club-Kabine, stellte die Entwicklung jedoch wieder ein und griff stattdessen auf eine leicht überarbeitete Kabine des alten W50 zurück. Das italienische Unternehmen MAN-Meccanica bot einen Allrad-Lkw mit Saviem- bzw. Renault-Kabine an, Terberg als Anbieter von schweren Zugmaschinen baute Volvo-Fahrzeuge um.
1980 wurden die deutschen Vierer-Club-Lkw einem Facelift unterzogen, bei dem der nun aus Hartplastik bestehende Kühlergrill eine gleichmäßig feine Rippung erhielt. Damit war die weitere Entwicklung schon vorgezeichnet, denn 1982 wurde die MK-Baureihe auch optisch und technisch in das Iveco-Programm überführt: Der traditionsreiche Name Deutz und das Ulmer-Münster-Logo verschwanden vom Kühlergrill, auf dem nun stattdessen ein großer Iveco-Schriftzug prangte.
Gleichzeitig wurde das Design überarbeitet: Die Lkw erhielten eine neue Innenraumgestaltung und eine neue Stoßstange aus Kunststoff, in die die Blinker integriert wurden. Die Nomenklatur der Modelle wechselte zum Iveco-Schema, so wurde etwa aus dem 130M8 der 80-13. Auch unter dem Blech tat sich etwas: Neue Turbo-Motoren hielten Einzug, so etwa der BF6L913T mit bis zu 135 PS.
In Deutschland wurde die MK-Baureihe bis 1992 angeboten, Nachfolger war der Iveco EuroCargo. Heute sind die „Vierer-Clubs“ im deutschen Straßenbild schon ein seltener Anblick. Die späten Baujahre von Iveco sind noch relativ häufiger anzutreffen; Fahrzeuge der ersten Baujahre (die noch den Namen Magirus-Deutz und den charakteristischen grob gerippten Grill tragen) sind dagegen schon sehr selten geworden und haben gerade Oldtimerstatus erreicht.